Was interessieren mich die Flüchtlinge im Irak

Jessen_03-09-2015Michael Urban, Regionalleiter Niederrhein der Deutschen Atlantischen Gesellschaft hatte zusammen mit dem Förderverein ins Kloster Graefenthal ge-laden. Die Frage „Was interessieren mich die Flüchtlinge im IRAK?“ sollte dort kompetent vom NRZ-Politikchef Jan Jessen beantwortet werden. Das Flüchtlingsthema dominiert die aktuellen Nachrichten wie kaum ein Thema vorher. Es mag daran liegen, dass wir selbst betroffen sind. Auch unsere Städte nehmen Flüchtlinge auf. Dies jedoch leider mit einer unterschiedlichen Form der Begrüßung. Unser Präsident sprach hier von einem „hellen und einem dunklen Deutschland“.

Die Intention des Veranstalters war es, die persönlichen, menschlichen Schicksale hinter den Flücht-lingsbewegungen zu beleuchten, um hierdurch vielleicht ein anderes Denken zu erlauben. Jan Jessen war einige Male ins irakische Kurdistan gereist, um zunächst von dort zu berichten und später, um dort vor Ort humanitäre Hilfe zu leisten. Erst eine Woche vor dem Vortrag war er von einer Reise in den IRAK zurückgekehrt. Natürlich mit frischen Eindrücken von der ständig dramatischer werdenden Lage in den Flüchtlingscamps. Er berichtete, unterstützt durch schockierende Fotos, von Familien, die dem brutalen Terrorismus des IS ausgesetzt waren und Angehörige auf grausamste Weise verloren hatten. Viele von den Beispielen erzählen von angesehenen Familien, die einen gewissen sozialen Status in ihrer Gemeinschaft hatten und sowohl ihren Beruf als auch ihr Land lieben und dort bleiben wollen. Viele hoffen immer noch auf eine Wende zum Guten und damit auf eine mögliche Rückkehr in ihre Heimat. Camp DOMIZ, das Jan Jessen im Sommer 2012 besuchte, war mit 4000 Menschen überfüllt. 3 Jahre später war dieses Camp auf zwischenzeitlich 70.000 „Einwohner“ angewachsen und zählte somit zu den größten, Städten kann man ja wohl kaum behaupten, der Region. Weil solche enormen Größen aber nicht mehr zu kontrollieren waren, wurde DOMIZ mittlerweile auf ca. 35.000 reduziert. Einige dieser Zentren blieben allerdings auch für ihn verschlossen. Er erhielt keine Genehmigung z.B. nach MOSSUL zu reisen. Ein Kollege sagte ihm erklärend, „dort schreibt man keine Schlagzeilen, dort wird man zur Schlagzeile!“.

Seine Erklärung für den plötzlichen Aufstieg des IS erläutert Jessen wie folgt: Der Krieg gegen Saddam Hussein führte zur vollständigen Auflösung des Sicherheitsapparates. Polizei und Militär zerfielen. Neue Sicherheitsstrukturen, die diese Lücke füllen sollten, wurden nur zögerlich aufgebaut. In dieses Vakuum stieß der IS mit seinen Rekrutierungen. Dieser habe sich mittlerweile etabliert und ist zur Realität geworden. Jessen fürchtet: „Der syrische Bürgerkrieg wird ausbluten“. Eine Lösung sehe er nicht. Derzeit geht man von 1,8 Mio. Flüchtlingen in der Region aus. Sollte MOSSUL fallen, würden eine halbe Million zusätzliche Flüchtlinge die Hilfsorganisationen überfordern. Überfordert sind diese bereits jetzt, denn die damals von den Vereinten Nationen bereitgestellten 31 US $ Lebensmittelhilfe pro Person pro Monat sind auf nur noch 9 US $ zurückgefahren. Bei annähernd gleichen Preisen ein Ding der Unmöglichkeit auch nur die grundlegende Versorgung sicherzustellen. Nach seinen Ausführungen herrschte eine fühlbare Betroffenheit unter den ca. 100 Gästen im historischen Kreuzgang des Klosters. Die zahlreichen Wortmeldungen befassten sich über-wiegend mit der Frage, wie der Konflikt denn zu lösen sei. Natürlich konnte man mit diesen frischen und schrecklichen Eindrücken im Kopf nicht gleich wieder ins normale Leben übergehen, weshalb anschließend in kleinen Gruppen intensiv weiterdiskutiert wurde.

Michael Urban

Den Bericht mit weiteren Bildern finden Sie hier.
Die Veranstaltung in der Presse.