„Alte Schätze, Neue Kriege – Zur aktuellen Bedrohung von Kulturgütern“ – Podiumsdiskussion im Museum THE KENNEDYS in Berlin

In Konfliktgebieten wie in Syrien, Afghanistan oder dem Irak sind nicht nur Leib und Leben der Zivilbevölkerung gefährdet, sondern meist auch ihr kulturelles Erbe. Die häufig unterschätze Problematik stand im Zentrum einer Kooperationsveranstaltung der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und dem Museum THE KENNEDYS mit dem Titel „Alte Schätze, Neue Kriege – Zur aktuellen Bedrohung von Kulturgütern“. Unter der Leitung von Moderator Harald Asel vom Inforadio (rbb) diskutierten Dr. Birgitta Ringbeck, deutsche Vertreterin im UNESCO-Welterbekomitee, Oberst a.D. Rolf Gundlach, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kulturgutschutz, Prof. Dr. Mamoun Fansa, ehemaliger Direktor des Museums Natur und Mensch in Oldenburg, sowie der Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz Dr. Michael Müller-Karpe über die Herausforderungen des Kulturgutschutzes.

Dr. Birgitta Ringbeck widersprach der landläufigen Überzeugung, die Gefährdung von Kulturgütern sei neuartig. Ganz im Gegenteil sei deren Zerstörung immer schon Teil der Kriegsführung gewesen. Dr. Michael Müller-Karpe machte jedoch deutlich, dass zumindest das Ausmaß ihrer Bedrohung neue Dimensionen erreicht habe. Für Oberst a.D. Rolf Gundlach ist dies vor allem die Folge der zunehmenden Bedeutung von nichtstaatlichen Akteuren in Konflikten, die sich an internationale Übereinkommen kaum gebunden fühlten.

Angesichts von 160.000 Toten, 7 Millionen Flüchtlingen und der vielen im Bürgerkrieg zerstörten Städte konnte Prof. Dr. Mamoun Fansa keine Perspektive für Syrien erkennen. Die kulturelle Identität des Landes ginge zunehmend verloren. Grund dafür seien auch die vielen ausländischen Akteure und die fehlende Bildung vieler Kämpfer, die das syrische Kulturerbe nicht wertschätzten und leichtsinnig in Mitleidenschaft zögen. Die Zerstörungen in Syrien seien so gravierend, dass sich der Schwerpunkt der Debatte mittlerweile vom Schutz der Kulturgüter hin zum Wiederaufbau verlagert habe. Fansa plädierte für den Einbezug von internationalen Experten bei der Wiederherstellung der verbliebenen historischen Bausubstanz.

Nach Dr. Michael Müller-Karpe dürfe man trotz des enormen menschlichen Leids in Konfliktgebieten die Zerstörung von Museen, historischen Gemäuern oder archäologischen Fundstätten beklagen. Denn was den Menschen auszeichnet, sei sein Bewusstsein für sich und seine Geschichte, was sich in seinen Kulturgütern widerspiegele. Die westlichen Staaten haben außerdem einen nicht zu unterschätzenden Anteil an den Verlusten von Kulturgütern. Das Kapital, das den riesigen illegalen Antikenmarkt anheize, käme oftmals aus Europa und den USA. Selbst wenn die Objekte von Raubgrabungen nachträglich noch sichergestellt werden, sei ihr archäologischer Wert durch den fehlenden Ausgrabungskontext für immer verloren.

Rolf Gundlach befehligte im Jahr 2000 im Kosovo einen sog. „Kulturschutztrupp“ der Bundeswehr, der mit der Auswahl und Bewachung von schützenswerten Kulturgütern wie Kirchen, Moscheen, historischen Bauten und Bodendenkmälern beauftragt war. In seinen Ausführungen wies er allerdings auch darauf hin, dass das Militär auch Teil des Problems sein könne. So wurde etwa die archäologische Zone Babylons in Mitleidenschaft gezogen, als auf dem Gebiet ein Militärlager der US-Armee infolge der amerikanischen Invasion im Irak errichtet wurde.

Von Moderator Harald Asel auf die Hilflosigkeit der internationalen Gemeinschaft angesprochen gestand Birgitta Ringbeck ein, dass die UNESCO zu geringe finanzielle Mittel für den weltweiten Kulturschutz habe und ihre offiziellen Appelle nicht selten wirkungslos blieben. Dennoch gebe es auch Erfolgsmeldungen. Dies machte Ringbeck anhand der geheimen Evakuierung der Bibliothek von Timbuktu deutlich, deren teilweise noch nicht katalogisierten historischen Dokumente vor herannahenden islamistischen Rebellen in Sicherheit gebracht wurden.

Die Podiumsgäste waren sich einig, dass ein effektiver Kulturgüterschutz auf eine reibungslose Zusammenarbeit nationaler und internationaler Organisationen und eingespielte Netzwerke von Experten vor Ort angewiesen sind. Denn oftmals müssten schnelle und unbürokratische Entscheidungen getroffen werden, um das Ausmaß kriegsbedingter Zerstörungen wirksam begrenzen zu können.

Der gut besuchte Abend war die Auftaktveranstaltung einer neuen Gesprächsreihe mit dem Museum THE KENNEDYS, die bewusst über klassische sicherheitspolitische Themen hinausblickt. Die Diskussionsrunde wurde vom rbb Inforadio für die Sendung unseres Moderators „Das Forum mit Harald Asel“ aufgezeichnet und kann auf der Homepage des Inforadios[1] nachgehört werden.


[1]
http://media.rbb-online.de/inf/podcast/forum_mit_harald_asel/forum_mit_harald_asel_6221.mp3

 

Autor: Andreas Haaf